Neun Weltmeistertitel in einer einzigen Klasse: Lamberto Collari
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Neunmal gewann der Italiener Lamberto Collari die Weltmeisterschaft der ferngesteuerten Verbrennerwagen im Maßstab 1:8, von 1989 in Heemstede bis 2009 in Lostallo. In einer einzigen Klasse hat das kein anderer Fahrer geschafft. Die Geschichte eines Mannes, dessen Motoren jahrzehntelang sein Vater aufbereitete.
Zwanzig fertig aufgebaute Rennmotoren lagen im Gepäck, als Lamberto Collari 2003 zur Weltmeisterschaft nach Hamilton im Bundesstaat Ohio reiste. Vorbereitet hatte sie sein Vater Mauro. Zehn davon ließ der Sohn vor Ort laufen, drei behielt er für das Rennen. Das Auto selbst war so spät gekommen, dass es erst eine Woche vor der Verschiffung im lombardischen Melzo überhaupt auf eine Bahn kam. Collari gewann. Es war sein sechster Weltmeistertitel, und er beendete sechs Jahre, in denen keiner dazugekommen war. Über die Vorbereitung sagte er danach dem italienischen Fachdienst automodellismo.net einen Satz, der seither zitiert wird: Bei einer Weltmeisterschaft dürfe man nichts dem Zufall überlassen, und wenn er bei einer Weltmeisterschaft sei, gehe er mit Auto und Motor ins Bett.
Neun solcher Titel hat er gewonnen, alle in derselben Klasse: ferngesteuerte Rennwagen im Maßstab 1:8 mit Verbrennungsmotor auf Asphaltbahnen. Zwischen 1989 und 2015 ging Collari fünfzehnmal bei Weltmeisterschaften an den Start, neun dieser Starts endeten mit dem Titel; zwei weitere Weltmeisterschaftsauftritte 2017 und 2019 sind belegt. Mehr Titel hat nur der Japaner Masami Hirosaka mit vierzehn, verteilt allerdings über vier verschiedene Klassen. Der Fernsteuerungshersteller Sanwa, der ihm später ein Geräteset mit seinem Namen widmete, nennt Collaris Bilanz den höchsten Rekord der Geschichte in einer Kategorie: Neun Titel in einer Klasse habe bislang niemand gebrochen.
Ein Boot, ein Vater und eine Bahn neben dem Haus
Aufgewachsen ist Collari in der Emilia Romagna. Sein Vater war Liebhaber des dynamischen Modellbaus und vor allem der Schiffsmodelle, und er schenkte dem Sohn mit rund fünf Jahren die erste Fernsteuerung. In dem Interview, das der Werkzeughersteller HUDY 2017 mit ihm führte und das unter anderem Circus RC und LiveRC veröffentlichten, erzählte Collari, an dieser ersten Fernsteuerung habe fast ein Jahr lang ein Boot gehangen, gefahren gemeinsam mit dem Vater. Danach kam ein Elektroauto im Maßstab 1:10, ein Jahr später der erste Verbrenner. Das erste eigene Auto ist auf seiner später abgeschalteten Website namentlich festgehalten: eine VCS 111 der Marke SG. Neben dem Elternhaus entstand eine Bahn, und dort stand er jedes Wochenende mit seinem Vater.
An ein Rennen durfte er lange nicht. Erst nach zwei Jahren täglichen Bittens gab der Vater nach; sein erstes Rennen fuhr er mit neun Jahren in einer Regionalmeisterschaft. Auf seiner Website datiert er diesen Auftakt auf 1982 und schreibt, er habe das Rennen gewonnen und am Saisonende gleich den Regionaltitel der Emilia Romagna geholt. Wie alt er in jenem Sommer genau war, lässt sich nicht sagen, denn ein Geburtsjahr nennt er nirgends. Aus seinen eigenen Angaben, erste Fernsteuerung mit rund fünf, erstes Rennen mit neun, dieses Rennen 1982, ergäbe sich ein Jahrgang um 1972 oder 1973 und damit ein Weltmeister von 1989 im Alter von etwa sechzehn oder siebzehn Jahren. Es bleibt eine Rechnung.
Die Kulisse dieser Anfänge hat er selbst geliefert, und sie ist konkreter als jede Ausschmückung. Es gab keine Markenwerkzeuge und keine Setup Boards, die Autos hatten keine Federung. Den Radsturz stellte man mit einer Zigarettenschachtel ein, Schraubendreher baute man sich selbst zurecht, statt Boxen gab es Picknicktische und Sonnenschirme, repariert wurde mit Sekundenkleber, Klebeband und Draht. Geholfen haben ihm damals sein Vater und ein Gianni Fini, später zwei Männer, die er nur Ago und Franco nennt.
Seine Vorbilder sah er sich als Junge auf der Bahn Futura in Bologna an, wo sie nach seiner Erinnerung fast jedes Wochenende fuhren: Tadiello, Bortolomasi, Sabattini, Ghersi, Veronesi. Die Bahn gibt es noch. Sie heißt heute L. Collari Raceway, und er kommentiert das trocken: aber nur, weil er sich mit engen Freunden darum kümmere.
Aus der Anfangszeit stammt auch die Szene, mit der der italienische Blogger Stefano Berna 2006 sein Porträt grundierte. Danach gewann Collari seinen ersten italienischen Meistertitel, kaum mehr als ein Kind, in der Klasse 1:8 Bahn mit Zweiradantrieb, und zwar vor einer Fahrerin: Anita Amadesi.
Der Mann, der die Motoren baute
Durch die neun Titel zieht sich kein Markenname, sondern eine Familie. Die Chassis wechselten mehrfach: für 1989, 1991 und 1993 sind Autos der Marke BMT verzeichnet, für 1995 und 1997 Serpent, für 2003, 2005 und 2007 Kyosho. Beim neunten Titel 2009 fuhr er nach dem zeitgenössischen Bericht von Hobbymedia vom 23. August 2009 eine Kyosho mit Novarossi Motor, und Collari selbst schrieb auf seiner Website zu diesem Titel, gewonnen hätten mit ihm auch Kyosho und Novarossi.
Konstant blieb dagegen der Motorenbereich, und der gehörte dem Vater. Mauro Collari bereitete die Motoren auf, sie liefen auf Basis von Sirio unter der Marke M. Collari. Noch im Oktober 2015, als ein Technikprofil der Euro Nitro Series sein Material auflistete, stand dort ein Motor vom Typ O.S. Speed R2102 mit dem Zusatz M. Collari, also unter dem Namen seines Vaters. Zur festen Mannschaft gehörten außerdem die Mechaniker Andrea Gardini und Luca Poggiali; auf seiner Teamseite nannte Collari die drei die ihm nächsten Menschen, mit denen er sich immer bespreche, auch abseits der Strecke.
Zwei Anläufe ohne Titel, dann die Rückkehr
Eine Siegesliste verschweigt die Jahre, in denen nichts kam. Nach dem Titel von 1997 im mexikanischen Toluca gewann Collari sechs Jahre lang keine Weltmeisterschaft. 1999 wurde er in seiner Klasse Sechster, den Titel holte der Franzose Adrien Bertin. 2001 wurde er Fünfter hinter dem Japaner Kenji Osaka. Weil der Titel nur alle zwei Jahre vergeben wird, waren das genau zwei verlorene Anläufe in Folge.
Der Bruch dieser Serie 2003 in Ohio ist der am besten dokumentierte seiner Siege. Neben der späten Ankunft des Autos und den zwanzig Motoren des Vaters gehörte ein Streit um Felgen zu diesem Wochenende. Im Finale kam es zum Zweikampf mit dem Amerikaner Ralph Burch, den dieser mit verschlissenen Reifen verlor. Im selben Jahr startete Collari zusätzlich bei der Weltmeisterschaft der 1:5 Tourenwagen, also der großen Fünftelmodelle, und wurde dort Dritter; 2005 wiederholte er den Ausflug in diese Klasse und kam auf Platz sechs.
Danach folgten drei weitere Titel in der eigenen Klasse. 2005 gewann er in Messina, für ihn ein Heimtitel und nach eigener Darstellung der emotionalste. 2007 kam Cordoba in Argentinien dazu, und im selben Jahr gewann er auch die Europameisterschaft. 2009 schließlich stand in Lostallo in der Schweiz sein Name ganz oben, zwanzig Jahre nach dem ersten Mal. Hobbymedia nannte ihn in seinem Bericht schlicht den Mythos, den Lambertone der Nation, und veröffentlichte das Klassement bis Platz sechs: hinter Collari der Amerikaner Mike Swauger, dann Adrien Bertin, Robert Pietsch, Alberto Picco und Dario Balestri.
Wie viele Europameistertitel es insgesamt waren, sagt nicht einmal er selbst einheitlich. In den Ergebnislisten des europäischen Verbands EFRA stehen für ihn zwischen 1988 und 2015 einundzwanzig Starts und sechs Siege. Seine eigene Titelaufstellung nennt sieben Europameisterschaften, davon fünf im Achtelmaßstab, nämlich 1988 in Monsano, 1996 in Clermont Ferrand, 1998 in Münster, 2007 in Lostallo und 2011 in Luxemburg, dazu zwei im Fünftelmaßstab, 1999 in Bologna und 2002 in Brest. Belastbar sind mindestens fünf Europameistertitel in seiner Hauptklasse. Dazu kommen nach seiner eigenen Zählung ungefähr fünfzehn italienische Meistertitel im Achtelmaßstab und drei oder vier im Fünftelmaßstab sowie zwei Mannschaftsweltmeisterschaften gemeinsam mit Salvatore Schepis und Massimo Fantini.
Der zehnte Titel, der nicht kam
Nach 2009 wurde es schwer. 2011 kam Collari nicht über Platz zweiundzwanzig hinaus, Weltmeister wurde der Deutsche Robert Pietsch. Die Weltmeisterschaft 2013 im japanischen Chiba sagte er öffentlich ab. Als Grund nannte er Berichte über achtzehnfach erhöhte Strahlungswerte im Umfeld von Fukushima, rund dreihundertzwanzig Kilometer von der Rennstrecke entfernt; in der englischsprachigen Meldung ist von zweihundert Meilen die Rede. Er schulde es seiner Familie, seinen Mitarbeitern und auch sich selbst, seinen offiziellen Verzicht zu erklären. Zwei Jahre Vorbereitung waren damit hinfällig, und es wäre der Anlauf auf den zehnten Titel gewesen.
2015 wurde er Einundzwanzigster, den Titel holte der Schweizer Simon Kurzbuch. Im Oktober desselben Jahres, beim Finale der Euro Nitro Series im italienischen Fiorano, wurde sein Wechsel zu Creation Model und dem Team Infinity bekanntgegeben. Er sei dankbar, dass man ihn dort als Ressource sehe, sagte er, und nannte die Mannschaft ein wunderbares Team von Menschen.
2017 in Monteux in Frankreich stand er nach acht Jahren wieder im A Finale, dem Lauf, der den Titel vergibt. Nach zwei Dritteln der Distanz führte er das Rennen. Dann versagte die Glühkerze. Nach drei verlorenen Runden wurde er Achter. Der Fachdienst Red RC hielt damals ausdrücklich fest, es sei sein erster Finalauftritt seit dem Titelgewinn von 2009 gewesen. 2019 in Fontana in Kalifornien war er nach dem Bericht seines eigenen Teams auf gutem Weg zurück ins Finale, als der Motor drei Minuten vor Schluss ausging; der Werksbericht nennt das eine riesige Enttäuschung. Sein Auto war in jenem Jahr, so ein Technikprofil von Red RC, ein völlig serienmäßiger Infinity IF18. Die Chassisversteifungen, mit denen er sich an den außerordentlich hohen Grip der Bahn anpasste, hatte er sich aus einer alten Empfängerplatte selbst zurechtgeschnitten. 2025 stand er in Santiago de Chile gar nicht am Start, weil sein Team die Reise komplett ausließ; Red RC formulierte, die Legende der Klasse werde diesmal keine Chance auf den zehnten Titel bekommen.
Wie die Szene über ihn spricht
Für Collari kursieren in der Szene mehrere Namen. Lambertone nennt ihn Hobbymedia, dazu GOD HAND Collari; Stefano Berna nannte ihn 2006 Lamberjack und Simply the Best; nach dem achten Titel sprachen Forumsschreiber vom Ottavio nazionale, dem Achten der Nation.
Bernas Porträt ist der ernsthafteste Versuch, den Fahrstil zu fassen. Sehr wenig Gas, sehr wenig Lenkeinschlag, er pinsele die Kurven. Für ihn existiere kein Parallaxenfehler, jene Verschiebung zwischen Blick und Auto; selbst aus der Boxengasse heraus, auf Asphalthöhe und damit ohne den gewohnten erhöhten Blick, sei Collari extrem schnell. Und er könne im Spiel den hinteren Rammschutz eines gegnerischen Autos leicht verbiegen, ohne dieses Auto aus der Bahn zu bringen. Berna beschreibt ihn außerdem als kalt, taktisch und distanziert im Rennen, im Umgang dagegen als schüchtern, zurückhaltend, großzügig und höflich.
Der Anspruch dahinter klingt bei ihm selbst unromantisch. Man sei nie genug vorbereitet für ein großes Rennen, sagte er HUDY; man müsse zehn Teile seiner Zeit zu Hause investieren, um einen Teil davon an der Strecke genießen zu können. Wer nur auf den Fehler des Gegners warte, habe schon verloren. Auf die Frage nach dem einen unverzichtbaren Werkzeug antwortete er nicht mit einem Werkzeug im engeren Sinn, sondern mit der Stoppuhr: Die könne einen nie anlügen. Auf seiner Website stand der Satz, er fürchte alle und keinen. Und bei Berna äußerte er sich zum eigenen Anteil am Ergebnis erstaunlich bescheiden: Weil die Runden im Modellbau so kurz seien, könne ein Fahrer fahrerisch höchstens eine halbe Sekunde herausholen, alles darüber sei Material.
Die Szene hat ihn zu Lebzeiten geehrt. Sanwa legte unter seinem Namen ein Legend Set aus Sender, Empfänger und zwei Servos auf. 2008 richtete die italienische Szene einen eigenen Renntag zu Ehren seines achten Titels aus. Zwei Bahnen tragen seinen Namen, die Futura in Bologna und ein Miniautodromo in Cassino, wo jener Renntag stattfand; wie es zu der Benennung in Cassino kam, ist nicht überliefert. Auch sein Gerät wirkt nach. Red RC zählt ihn zu den wenigen Weltmeistern, die ihre Titel mit einem Knüppelsender geholt haben, und er bedient ihn zudem verkehrt herum: Knüppel nach unten für Gas, nach oben für die Bremse. 2024 beschrieb derselbe Dienst einen zwölfjährigen Fahrer aus Indonesien, der genau diesen Sendertyp wählte, weil er ihn bedienen wollte wie sein Idol. Und im Januar 2026 erzählte ein italienischer Fahrer, Collari habe ihm Teile für sein Auto geliehen.
Der Mann ist nicht weg
Wer Collari nur als Namen aus den Neunzigerjahren führt, liegt falsch. Am 1. April 2019 gewann er als Schnellster der Qualifikation den Auftakt der italienischen Nitro Bahnmeisterschaft beim Club Automodellistico 5 Colli in Gubbio. Im Juli desselben Jahres holte er Bestzeit und Sieg bei einem Lauf der Bologneser Meisterschaft, auf der Bahn, die seinen Namen trägt, vor seinen Teamkollegen Alberto Picco und Francesco Tironi. Am 19. Oktober 2020 gewann er den zweiten Lauf der italienischen Bahnmeisterschaft im Mini Autodromo Jody Scheckter in Fiorano, wieder mit der Gesamtbestzeit der Qualifikation und mit rund acht Sekunden Vorsprung in einem Finale über fünfundvierzig Minuten.
Beim Auftakt der Euro Nitro Series 2024 im badischen Ettlingen arbeitete er sich aus dem C Finale bis in das A Finale vor und wurde dort Dritter, als zweiter Infinity auf dem Podium, knapp vor dem ARC von Silvio Hächler; gewonnen hat diesen Lauf Simon Kurzbuch. In dieser Serie stehen für ihn mindestens zwei Laufsiege zu Buche; das erwähnte Technikprofil bezeichnete ihn bereits 2015 als dreifachen Laufsieger der Euro Nitro Series.
Und im September 2026 steht sein Name wieder in einer Weltmeisterschaftsvorschau. Vom 3. bis 12. September richtet der Club Automodellistico 5 Colli im Miniautodromo Mario Rosati in Gubbio die IFMAR Weltmeisterschaft der Klasse 1:10 mit Verbrennungsmotor aus, mit rund einhundertdreißig Fahrern aus einundzwanzig Nationen. Die umbrische Regionalpresse nannte vorab den neunfachen Weltmeister Lamberto Collari als eine der Hauptattraktionen, neben Dario Balestri, Carmine Raiola, Filippo Domanin, Andrea Catanzani und Francesco Tironi. Während dieser Text erscheint, läuft die Veranstaltung noch. Bemerkenswert ist dabei die Klasse: Es ist nicht der Achtelmaßstab, in dem er neunmal Weltmeister wurde, sondern die kleinere Verbrennerklasse daneben, jene mit den Zehntelmodellen, in der er auf der Weltbühne keinen Titel hat.
Sein Betrieb, Motorsport di Lamberto Collari, besteht weiter in Bologna. Zwischen Zuhause, Laden und Rennstrecke, schrieb 2008 ein Landsmann in einem italienischen Forum, spiele sich sein Leben seit gut dreißig Jahren ab; wer im Laden anrufe, bekomme entweder ihn oder seinen Vater Mauro an den Apparat. Auf der Website, die er später aufgab, stand am Ende seiner Lebensgeschichte ein Satz, den bis heute nichts widerlegt hat: Er habe nicht vor aufzuhören.