Martin Achter, Pretoria 2009: zwei Titel in einem fast leeren Feld
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Zwei Weltmeistertitel im Automodellrennsport, gewonnen im Oktober 2009 an einem einzigen Ort in Südafrika, in zwei getrennten Klassen. Auf den Startlisten standen siebzehn und zwanzig Fahrer, weil die Werksteams und die meisten Spitzenfahrer aus Sicherheitsbedenken ferngeblieben waren. Von dem Deutschen, der beide gewann, sind rund dreiundsechzig Wörter überliefert.
Siebzehn Fahrer standen im Oktober 2009 in Pretoria auf der Startliste, als dort ein Weltmeister in der Klasse 2WD ermittelt wurde. Wenige Tage später waren es zwanzig, und wieder gewann derselbe Mann. Martin Achter aus Deutschland verließ Südafrika mit zwei Weltmeistertiteln, gewonnen an einem einzigen Ort, in zwei verschiedenen Klassen. In den Siegerlisten der beiden Geländeklassen 2WD und 4WD, die 1987 beginnen und bis 2015 vorliegen, steht genau ein deutscher Name, und es ist seiner. Zugleich ist es der Erfolg, den die eigene Fachpresse bis heute als umstritten führt. Der Fahrer selbst schweigt dazu. Was von Martin Achter überliefert ist, sind rund dreiundsechzig Wörter, veröffentlicht wenige Tage nach dem zweiten Titel. Danach nichts mehr.
Zwei Klassen, zwei Autos, ein Ort
Die Heckantriebsklasse 2WD und die Allradklasse 4WD sind zwei getrennte Weltmeisterschaften mit zwei getrennten Siegerlisten, und in Pretoria wurden beide innerhalb einer Woche entschieden. Achter gewann beide, und er tat es mit Material zweier verschiedener Hersteller. Den Titel im 2WD holte er mit einem Team Associated RC10B4 Factory Team, den Titel im 4WD mit dem damals brandneuen Team Durango DEX410, dem Auto des Herstellers, für dessen Team er fuhr und dessen Neuentwicklung er zuvor ausgiebig getestet hatte. Die englischsprachige Wikipedia vertauscht die beiden Fahrzeuge in ihrer Ergebnistabelle und führt ihn im 2WD mit einem Durango, im 4WD mit einem Associated. Sie kann damit nicht recht haben: Team Durango baute 2009 nur einen einzigen Buggy, den allradgetriebenen DEX410, ein Modell mit Heckantrieb kam erst 2011 dazu. Der Tagesbericht von Red RC, die Mitteilung von Associated Electrics, die Siegerliste von Red RC Events und die Vorschau von RC Car Action nennen übereinstimmend Associated im 2WD und Durango im 4WD.
Für Associated Electrics war der Sieg ein eigener Erfolg. Die Firma verbuchte ihn als ihren vierundzwanzigsten Weltmeistertitel und als vierten Titel in Folge für die Plattform B4, eine Marke, die nach ihrer eigenen Darstellung kein anderes Fahrzeug erreicht hatte. Und sie hielt fest, was auch die Siegerlisten hergeben: Achter war überhaupt erst der achte Fahrer, der einen Weltmeistertitel im 2WD gewann.
Der Boykott, der das Feld leerte
Warum aber siebzehn Starter bei einer Weltmeisterschaft? Weil die Werksteams und die meisten Spitzenfahrer nicht kamen. Ausgetragen wurde die dreizehnte Auflage der Elektro Geländeweltmeisterschaft nach Angaben der englischsprachigen Wikipedia auf der Anlage TRAP R/C Venue in Koedoespoort, Pretoria. Werksteams und viele Spitzenfahrer blieben aus Sicherheitsbedenken fern und verwiesen dabei auf Vorfälle aus dem Jahr 2002. Übrig blieb ein Feld, das nach den vorliegenden Berichten fast ausschließlich aus südafrikanischen Fahrern bestand, dazu drei internationale Meldungen.
Die Zahlen gehen dabei leicht auseinander. Der Tagesbericht von Red RC nennt 17 Starter im 2WD und 20 im 4WD, die Statistikseite desselben Hauses fasst das später pauschal zu zwanzig angereisten Fahrern zusammen. Die genauere Angabe ist die erste. Wie klein ein solches Feld ist, zeigt der Vergleich mit der nächsten Auflage: Zwei Jahre später standen bei der Weltmeisterschaft im finnischen Vaasa rund 138 Fahrer in der Liste für das 2WD und über 140 im 4WD.
Der Weltverband zog Konsequenzen. Südafrika verlor die Ausrichtung der Weltmeisterschaft der Elektro Rundstreckenwagen 2010, also des Gegenstücks zum Gelände, und der Titel wurde stattdessen nach Deutschland vergeben, ins niedersächsische Burgdorf, wo im Jahr darauf Marc Rheinard gewann. Die Fachpresse fällte ihr Urteil in aller Deutlichkeit. Red RC nannte die Veranstaltung von 2009 im Rückblick den Tiefpunkt des Elektro Buggysports und schrieb, der Boykott habe den deutschen Fahrer Martin Achter zurückgelassen, um eine Handvoll Fahrer zu schlagen und Weltmeister zu werden. In der eigenen Statistikübersicht steht bis heute die Zeile, Martin Achter hole zwei umstrittene Titel für Deutschland.
Die Titel sind amtlich. Sie stehen in der Ehrenliste der IFMAR, zweimal unter dem Jahr 2009, derselbe Name, derselbe Ort, Pretoria. Gegen Abwesende gewinnt man trotzdem nur, indem man fährt.
Was auf der Strecke geschah
Der sportliche Ablauf spricht eher für Achter als gegen ihn. Im 2WD fuhr er die schnellste Zeit der Vorläufe heraus und startete damit von Position eins in die Finalläufe. Den Titel machte er perfekt, indem er den zweiten und den dritten der drei Finalläufe gewann. Zweiter wurde Craig Laughton, Dritter Albert Claassens, dessen Name in den Berichten auch in der Schreibweise Claassons auftaucht.
Im 4WD war es noch klarer. Achter gewann alle drei Vorläufe und hatte damit erneut die beste Startposition. Im Endlauf gewann er den ersten und den zweiten Durchgang so überlegen, dass der dritte für ihn keine Rolle mehr spielte; er verzichtete darauf, ihn zu fahren. In der Endabrechnung standen hinter seinem Namen zwei Punkte, hinter Gerrit Gouws und Craig Laughton je fünf. Wer die Zahlen falsch herum liest, kommt zum falschen Sieger: Es sind Platzziffern, keine gesammelten Punkte. Zwei Siege ergeben zwei, und darunter kommt niemand. Ein Weltmeister, der einen Endlauf ausfallen lässt, weil er ihn nicht mehr braucht, ist keine Randnotiz, auch nicht bei zwanzig Startern.
Dreiundsechzig Wörter
Wenige Tage nach dem zweiten Titel veröffentlichte Red RC eine Stellungnahme des frischgebackenen Weltmeisters. Sie ist rund dreiundsechzig Wörter lang und, soweit sich das überprüfen lässt, die einzige überlieferte Äußerung von Martin Achter überhaupt. Er dankte darin Team Durango, CS Electronics und Hoeco, lobte Strecke und Organisation und schrieb dann den einen Satz, um den es geht: „I think no one felt ever unsafe, on and off the track." Nach seinem Eindruck habe sich also niemand jemals unsicher gefühlt, weder auf der Strecke noch daneben. Die Menschen an der Strecke nannte er „very friendly and helpful", die Veranstaltung eine, die er nie vergessen werde.
Kein Wort über die dünne Startliste, kein Wort über die Kritik, keine Rechtfertigung. Der Weltmeister schrieb, es sei schön gewesen, während die Fachpresse schrieb, es sei ein Tiefpunkt gewesen. Das ist die gesamte überlieferte Gegenrede des Siegers, und sie ist kürzer als dieser Absatz.
Mehr an Person geben die Quellen nicht her, und das ist kein Versäumnis der Suche, sondern ihr Ergebnis. Ein Interview mit ihm existiert nicht. Geburtsdatum, Wohnort, Verein und Beruf sind nirgends belegt. Der einzige Hinweis auf sein Alter ist eine Zeile von Red RC aus dem Mai 2009, die ihn als jungen Fahrer bezeichnet, als er bei der deutschen Firma CS Electronic unterschrieb und deren Regler, Motoren, Akkus und Ladegeräte einsetzte. Über denselben Vertrag berichtete am 29. Mai 2009 auch das Fachportal RC News, und es ist der einzige Artikel, den das größte deutschsprachige Portal dieses Sports je über ihn gebracht hat. Über die beiden Weltmeistertitel eines deutschen Fahrers erschien dort kein Bericht.
Auch sonst führt die Suche ins Leere. Einen Personenartikel in der Wikipedia gibt es in keiner Sprache; er kommt dort nur als Zeile in den Ergebnistabellen von 2009 und 2011 vor. Die beiden Diskussionsstränge, in denen die Szene 2009 über ihn sprach, in den Foren von oOple und RCTech, sind heute nicht mehr frei abrufbar. Die Seiten des deutschen Verbands DMC liefern zu seinem Namen keine Treffer. Erschwerend kommt hinzu, dass das Wort Achter im Deutschen auch den Achtplatzierten bezeichnet, was jede Suche zuverlässig verstopft, und dass ein gleichnamiger Fachjournalist die Trefferlisten füllt, der nachweislich eine andere Person ist. Wer diesen Weltmeister sucht, sucht gegen die eigene Sprache an.
Vaasa 2011 und die Jahre danach
Die härteste und zugleich fairste Prüfung eines umstrittenen Titels ist der nächste Anlauf. Er kam im Juli 2011 im finnischen Vaasa, bei derselben Weltmeisterschaft, diesmal mit vollem Feld. Achter startete wieder mit dem Team Durango DEX410; ein Abstimmungsblatt aus jener Woche ist bis heute in einem öffentlichen Archiv abrufbar.
Achter kam im 2WD auf Rang 44 und damit in den Lauf E, im 4WD wurde er 28. und fuhr im Lauf C; gefahren wird der Titel im obersten Lauf A. Rang 28 von über 140 ist das obere Fünftel eines vollen Weltfeldes, Rang 44 von rund 138 knapp das obere Drittel. Das ist die Einordnung eines guten europäischen Fahrers, und es ist nicht die eines Endlaufteilnehmers. Wer 2009 in Pretoria gewonnen hatte, war zwei Jahre später gegen die versammelte Konkurrenz weit vom Lauf A entfernt.
Dazwischen und danach liegen einzelne belegte Ergebnisse. Im April 2010 erreichte er beim Vorsaisonrennen in Bischofsheim das Hauptfinale, verlor dort aber früh Zeit durch ein Problem an der Kupplung. Im Juni 2011 wurde er bei den European Short Course Masters Zweiter in der Klasse Pro4, hinter Jörn Neumann und vor Hupo Hönigl. Beim Inzeller Race of Champions im Juli 2011 wurde er Dritter im 4WD und Dritter im Short Course; in der Meldeliste steht hinter seinem Namen das Kürzel WC für World Champion.
Der späteste belegte Renneinsatz von Martin Achter ist das Inzeller Race of Champions vom Juli 2013. Von Startplatz sechs fuhr er dort auf den dritten Platz im 4WD, gemeldet für Team Durango und CS Electronic, im Bericht geführt als ehemaliger Weltmeister im 2WD und im 4WD. Danach wird es still. Als Team Durango im November 2014 sein Profiteam auflöste, wurden Ryan Lutz, Elliott Harper und Jörn Neumann genannt, Achter nicht mehr. Auch die im März 2015 vorgestellte deutsche Durango Mannschaft führt ihn nicht mehr. Wann und warum er ging, steht nirgends, und ob er heute noch fährt, ebenso wenig. Es fehlen die Nachweise, nicht der Beweis eines Karriereendes.
Die überlieferten Ergebnislisten zeichnen ein Bild, das über die beiden Titel hinausgeht: 68 Starts, fünf Siege, siebzehn Podestplätze, und zwei Drittel davon im Inland. Allein 42 dieser Starts entfallen zwischen 2006 und 2012 auf Läufe der Deutschen Meisterschaft, mit drei Siegen; dazu kommen acht Teilnahmen am Inzeller Race of Champions, sieben Starts in der LRP HPI Challenge, sechs Europameisterschaften und die vier Weltmeisterschaftsstarts von 2009 und 2011. Von den 42 Starts in der Deutschen Meisterschaft und den drei Siegen darin ließ sich öffentlich keine einzige Platzierung nachvollziehen, und von den sechs Europameisterschaften ebenso wenig.
Der Platz in einer sehr kurzen Liste
Was nachprüfbar bleibt, ist eine sehr kurze Liste. Bis 2015 haben nur drei Fahrer die Titel im 2WD und im 4WD im selben Jahr gewonnen: Masami Hirosaka 1989 im australischen St Ives, Martin Achter 2009 in Pretoria und Ryan Cavalieri 2011 in Vaasa. Die englischsprachige Wikipedia formuliert das mehrdeutig und nennt Achter den dritten Fahrer mit einem solchen Doppelerfolg bei einer einzigen Weltmeisterschaft; nach der Reihenfolge der Jahre war er im Gelände der zweite nach Hirosaka, und Cavalieri kam erst zwei Jahre nach ihm dazu. Die amerikanische Fachzeitschrift RC Car Action zählte ihn 2013 schlicht als einen von drei Fahrern in dieser Gruppe.
Und noch etwas fällt auf, wenn man die Siegerlisten der beiden Geländeklassen von 1987 bis 2015 durchgeht: Unter allen Weltmeistern im 2WD und im 4WD steht genau ein deutscher Name, und das ist seiner. Deutsche Weltmeister hat dieser Sport durchaus, Marc Rheinard etwa mit vier Titeln in den Klassen Elektro 1:10 und 1:12. Im Gelände bleibt Martin Achter in den vorliegenden Siegerlisten der einzige.
Was also von diesem Fall bleibt: eine Anlage in Koedoespoort, auf der im Oktober 2009 zwei Weltmeisterschaften mit siebzehn und zwanzig Fahrern gefahren wurden. Ein Weltmeister, dem der Weltverband die Titel amtlich bescheinigt und dessen Sport sie im selben Atemzug als umstritten führt, weil die Konkurrenz gar nicht erst angereist war. Rund dreiundsechzig Wörter, in denen kein einziges Wort der Verteidigung steht. Im Juli 2013 dann ein dritter Platz in Inzell, von Startplatz sechs aus, im Bericht als ehemaliger Weltmeister geführt. Und seitdem: zwei Zeilen unter dem Jahr 2009 in der Ehrenliste der IFMAR, und sonst nichts.