Bruno Coelho: der Portugiese, der die Mauern zwischen den Klassen übersprang
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Im Oktober 2015 gewinnt ein 22 Jahre alter Portugiese in Japan eine Weltmeisterschaft in einer Klasse, in der er zum ersten Mal antritt. Neun Jahre später schlägt derselbe Mann einen Vertrag über sechs Jahre aus, weil sein Mechaniker gegangen ist. Die Geschichte von Bruno Coelho, der die Grenzen seiner Sportart nicht anerkennt.
Auf dem Fahrerpodest über der Strecke der Yatabe Arena von Tsukuba stand im Oktober 2015 ein 22 Jahre alter Portugiese, der in dieser Klasse noch nie eine Weltmeisterschaft bestritten hatte.
Bruno Coelho holte in jener Woche die Bestzeit im Zeittraining und gewann die Endläufe. Red RC überschrieb den Bericht damit, dass der Offroad Neuling Coelho Weltmeister im Allradantrieb sei. Er war erst der zweite Fahrer, dem dieser Titel im ersten Anlauf gelang, und es war die erste Weltmeisterschaft dieser Art auf Kunstrasen. Sein Teamkollege Martin Bayer spottete über die tonlose Reaktion des Siegers mit dem Satz "yeah I won a race, its ok", sinngemäß: ja, ich habe ein Rennen gewonnen, ist schon in Ordnung. Und der Mann, den Coelho im Ziel hinter sich ließ, war Naoto Matsukura, der ihm zwölf Monate zuvor in Florida den Weltmeistertitel im Elektro Tourenwagen weggenommen hatte.
Platz 28 auf demselben Gelände
In Tsukuba gewann Coelho die ersten beiden Endläufe sicher; die Ergebnisübersicht jener Weltmeisterschaft weist ihm auch den dritten zu, während der Bericht seines Motorenherstellers LRP nur die ersten beiden nennt.
Wie hoch die Mauern zwischen den Klassen dieses Sports sind, zeigt eine Zahl aus derselben Woche in Tsukuba. Während Coelho in der Allradklasse 4WD Weltmeister wurde, kam er auf demselben Gelände in der Zweiradklasse 2WD nur auf Platz 28. Ein Rad weniger angetrieben, und aus dem Sieger wird ein Fahrer aus dem Mittelfeld.
Coelhos Rookie Status 2015 gehört dabei genau umrissen. Ein Geländerennen war es für ihn nicht zum ersten Mal: 2014 hatte er die Weltmeisterschaft im 1:8 Geländewagen mit Verbrennungsmotor bestritten und dort Platz 41 belegt, also deutlich hinten. Neu war für ihn die Verbindung aus Elektroantrieb, Maßstab 1:10 und Allrad, und in dieser Klasse trat er in Tsukuba zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft an.
Ein Auto zum achten Geburtstag
Der Anfang liegt auf einem Parkplatz. Coelhos Vater sah, wie begeistert der Junge bei einem Rennen zuschaute, und schenkte ihm zum achten Geburtstag sein erstes Auto, einen Thunder Tiger im Maßstab 1:10, Tourenwagen mit Verbrennungsmotor. Das erzählte Coelho 2020 in einem ausführlichen Interview der Euro Touring Series. Dort steht auch, was danach kam: Mit 14 Jahren gewann er die Junioren Weltmeisterschaft im 1:8 On Road mit Verbrennungsmotor in Argentinien und wurde dort Zwölfter im Gesamtklassement, dazu die Junioren Europameisterschaft in Schweden mit Rang 15 gesamt.
Sein Kindheitsidol war der Italiener Lamberto Collari, neunmaliger Weltmeister in der großen Straßenklasse mit Verbrennungsmotor. Die Weltmeisterschaft 2007 dieser Klasse fand in Córdoba in Argentinien statt, und Collari gewann sie. Sicher ist, dass Coelho seine Laufbahn in genau der Welt begann, in der sein Vorbild zu Hause war.
Früh war er dabei. Sein erster Start bei einer Europameisterschaft ist für 2003 verzeichnet; gemessen an den Altersangaben, die Red RC später machte, war er da etwa zehn Jahre alt. Bei Weltmeisterschaften taucht er ab 2005 auf: Platz 60 in der Klasse Sport 1:8 IC Track, 2008 Platz 102 im 1:10 IC scale, 2009 Platz 59, wieder Sport 1:8 IC Track. Ein Jugendlicher im Hinterfeld sehr großer Starterfelder, so sind diese Platzierungen zu lesen.
Im November 2014 sagte Coelho im Interview mit LiveRC, Xray habe ihm ermöglicht, zum ersten Mal bei diesen großen internationalen Veranstaltungen anzutreten. Gemeint waren die Werkseinsätze in der Spitze, nicht die ersten Startnummern überhaupt. Sein Geld verdiente er bis dahin anders: Er arbeitete als Contract Manager bei einem Lastwagenvermieter, nahm Fahrzeuge ab und plante Wartungen. Mit 21 kündigte er und wurde Vollprofi.
Florida 2014, der zweite Platz, der alles auslöste
2014 bestritt Coelho gleich drei Weltmeisterschaften: Platz 2 im Elektro Tourenwagen, Platz 16 im 1:10 IC scale und den erwähnten Platz 41 im 1:8 Geländewagen. Der zweite Platz war der Wendepunkt. Er fiel bei der Tourenwagen Weltmeisterschaft in Florida, gewonnen hat sie Naoto Matsukura. Der slowakische Hersteller Xray wurde bei genau diesem Rennen auf Coelho aufmerksam, wie das Unternehmen zehn Jahre später selbst schrieb. Kurz danach sagte Coelho zu LiveRC einen Satz, der seinen Stand in diesem Moment beschreibt: "Right now I have been living my dream. I am very happy that XRAY has chosen me and supported me and allowed me to participate for the first time at these major international events." Gerade lebe er seinen Traum, und er sei sehr glücklich, dass Xray ihn ausgewählt und unterstützt habe.
An jenem Wochenende in Florida stand jemand am Rand, der in dieser Geschichte immer wieder auftaucht. Coelhos Vater Cesar übersetzte dort die Interviews für Red RC. Ein Jahr später, nach dem Titel in Japan, widmete Coelho ihm den Sieg: "He invested a lot of his life and money in me so this is for him." Der Vater habe viel von seinem Leben und seinem Geld in ihn gesteckt, deshalb sei dieser Titel für ihn. Als Coelho im November 2024 seinen dritten Tourenwagen Titel in Folge gewann, war das auf den Tag genau zehn Jahre und einen Monat nach jenem Auftritt in Florida.
Fünf Titel und der dritte Platz
Lückenlos dokumentiert sind zunächst zwei Weltmeistertitel: 2015 im Allradantrieb in Tsukuba und 2018 in der Klasse ISTC in Welkom in Südafrika, für ihn und für Xray der erste Titel im Elektro Tourenwagen.
Drei weitere kamen danach hinzu. Der zweite Geländetitel wird als Weltmeisterschaft 2019 geführt, gefahren wurde er aber erst vom 14. bis 21. Januar 2020 in der Hudy Arena in Trenčín in der Slowakei; in der Zweiradklasse wurde Coelho dort Vierter. Für 2022 führt der europäische Verband EFRA ihn als amtierenden Weltmeister der Elektro Tourenwagen. Und im November 2024 gewann er in Bakersfield in Kalifornien den dritten Titel dieser Klasse nacheinander. Die portugiesische Tageszeitung Diário de Coimbra berichtete die Einzelheiten: zwei gewonnene Qualifikationsläufe, Startplatz zwei, ein Streckenrekord von 10,455 Sekunden und die Finalplatzierungen vier, zwei, eins. Er wurde also Weltmeister, ohne mehr als einen der drei Endläufe zu gewinnen. Dieselbe Zeitung nennt als Vereinszugehörigkeit die Sektion für Radiomodellsport der Associação Académica de Coimbra und die Klasse selbst die Königsklasse dieses Sports.
Fünf Titel bringen Coelho in der ewigen Bestenliste dieser Weltmeisterschaften auf den dritten Platz, hinter Masami Hirosaka mit 14 und Collari mit neun, vor der Gruppe mit je vier Titeln, zu der Marc Rheinard, Matsukura, Ryan Cavalieri und David Spashett gehören.
Dazu kommen sieben Europameistertitel, die Xray am Ende der gemeinsamen Zeit zählte. Belegt ist darunter der Titel von 2017 im 1:10 Geländewagen mit Allradantrieb, den LiveRC mit drei Bestzeiten in der Qualifikation und Siegen in den ersten beiden Endläufen beschrieb; entschieden war er vor dem letzten Lauf, Hauptgegner war Davide Ongaro. Red RC nannte Coelho im Oktober 2015 22 Jahre alt und im November 2024 31 Jahre alt, was auf den Jahrgang 1993 hindeutet.
Der Mechaniker wiegt schwerer als der Werksvertrag
Im Dezember 2024, wenige Wochen nach dem dritten Tourenwagen Titel, endete die Zusammenarbeit mit Xray nach einem Jahrzehnt. Die Bilanz, die der Hersteller selbst zog, liest sich beachtlich: fünf Weltmeistertitel, sieben Europameistertitel, mehr als 100 Siege weltweit, in Elektro und Verbrennung, auf der Straße und im Gelände, in 1:8 und 1:10. Xray bot nach eigener Darstellung einen neuen Vertrag über sechs Jahre an. Coelho unterschrieb nicht.
Ausschlaggebend war ein Personalwechsel. Im Februar 2024 hatte sein langjähriger Tourenwagen Mechaniker Francesco Martini das Umfeld verlassen, der Inhaber des Sponsors Monaco RC. Als Coelho im Januar 2025 zum japanischen Hersteller Infinity ging, sagte er Red RC dazu einen Satz, der das Gewicht dieser Zusammenarbeit klarmacht: "it was only when Francesco said yes that it was my green light to make the move happen." Erst als Francesco zugesagt habe, sei der Wechsel für ihn möglich gewesen. Was Jerry Burgess für Valentino Rossi war, war Martini für Coelho, so zog Red RC den Vergleich. Coelho verkleinerte zugleich sein Programm von sechs Rennklassen auf zwei, um Zeit in die Entwicklung des Tourenwagens zu stecken; das neue Auto, den Infinity IF14 Speciale, zeichnete Martini selbst. Sein Debüt gab Coelho damit Ende Februar 2025 in Bangkok, mit einem reinen Prototyp gegen seriennahe Fahrzeuge der Konkurrenz.
Dieses Rennen, der TITC, ist für ihn ohnehin ein Sonderfall. Er nennt es das größte und härteste Tourenwagen Rennen der Welt, gefahren bei Streckentemperaturen von 50 bis 60 Grad, und er sagt dazu einen Satz, der für seine ganze Laufbahn taugt: Er gehe in jedes Rennen, um es zu gewinnen, er denke nicht an die Vergangenheit, er gehe lieber vorwärts. Gewonnen hat er dort 2016, 2017, 2023 und 2024 und ist damit gleichauf mit Atsushi Hara Rekordsieger; sein erster Start 2015 endete auf Platz fünf.
Bei aller Technik, die in diesem Sport zum Ergebnis gehört, ist ein Detail bemerkenswerter als jede Markenliste. Das Lenkservo in seinem Auto trug den Markennamen Bruno. Coelho betreibt eine eigene, in Deutschland gegründete Servomarke; er fährt also mit Teilen, die seinen Vornamen tragen. Beim Rennen der Euro Touring Series 2018 in Daun, wo er die Bestzeit holte und gewann, saß dieses Servo in einem Xray T4 mit Hobbywing Antrieb, Sunpadow Akkus, Volante Reifen und einer Montech Karosserie.
Bangkok, November 2026
Dass Coelho auch nach dem Herstellerwechsel schnell ist, zeigte sich im Juli 2026 an einem Ort mit Symbolwert: in der Hudy Arena in der Slowakei, der Teststrecke seines früheren Arbeitgebers. Im freien Training fuhr er mit 49,293 Sekunden die Bestzeit und merkte an, das Heck sei "a bit too stable", eine Spur zu stabil. Zwei Tage später gewann er dort das dritte Finale der Klasse Cayote Modified vor Alexander Hagberg und Marc Rheinard, die beide Xray fuhren. In der Euro Touring Series gewinnt Coelho ohnehin am häufigsten: 42 Starts und 22 Siege stehen dort seit 2015 für ihn.
Die nächste große Prüfung steht fest. Vom 10. bis 14. November 2026 wird die Weltmeisterschaft der Elektro Tourenwagen im Huge RC Circuit in Bangkok gefahren, nachdem der ursprünglich geplante Austragungsort in China entfallen war. Für Coelho geht es dort um den vierten Titel in Folge. Gelingt er, wäre er alleiniger Rekordweltmeister dieser Klasse; derzeit teilt er die Bestmarke von drei Titeln mit Rheinard, der sie allerdings 2004, 2008 und 2010 gewann, also nicht nacheinander. Red RC nannte Coelho nach Bakersfield einen der größten Fahrer der Geschichte dieses Sports.
Bemerkenswert ist zuletzt, wie wenig von alldem mit dem zu tun hat, was Coelho selbst am liebsten fährt. Seine Lieblingsklasse ist bis heute 1:8 On Road mit Verbrennungsmotor, nach eigener Auskunft die schnellste, und sie mache ihm immer Spaß. Weltmeister wurde er dort nie. Sein Vorbild Collari hat in genau dieser Klasse neunmal gewonnen. Coelhos Titel fielen stattdessen woanders: zweimal im Gelände mit Allradantrieb, der erste davon 2015 auf Kunstrasen in Japan, und dreimal im Elektro Tourenwagen.
Am Ende bleibt ein Fahrer, der sich schwer auf einen Satz bringen lässt. Ein Portugiese, der in einem Dorf eine Viertelstunde vom Zentrum Lissabons wohnt und sportlich für einen Verein in Coimbra startet. Einer, der mit 21 seinen Bürojob kündigte, um von einem Hobby zu leben, das ihm sein Vater geschenkt hatte. Einer, dessen Reaktion auf den ersten Weltmeistertitel sein Teamkollege damit zusammenfasste, er habe halt ein Rennen gewonnen. Einer, der einen Vertrag über sechs Jahre ausschlug, weil ein Mechaniker gegangen war. Und einer, der nach eigenem Bekunden das Ausschneiden von Karosserien hasst, jene Handarbeit, ohne die kein Auto dieses Sports auf die Strecke kommt.