Euro Touring Series Marc Rheinard
Dreizehn Tage nach der Kündigung Weltmeister: Marc Rheinard
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Ende Dezember 2019 kündigte ihm sein Hersteller fristlos, dreizehn Tage später war er Weltmeister. Marc Rheinard aus Andernach gewann seine Titel in zwei Klassen und auf drei Kontinenten, verteilt über sechzehn Jahre. Ein Porträt über eine Familie, die eine ganze Rennszene trägt, und über die Frage, wie viele Titel es nun eigentlich sind.
Am 30. Dezember 2019 verlor Marc Rheinard seinen Arbeitsplatz. Der japanische Hersteller Infinity beendete den Vertrag, der eigentlich bis Ende 2023 laufen sollte, fristlos. Eine belastbare Begründung habe er nie bekommen, sagte Rheinard dem Fachdienst Red RC; er verwies auf zwei Siege bei der Reedy Race of Champions und auf Ergebnisse bei nationalen Meisterschaften und in der Euro Touring Series und kündigte an, stärker als je zuvor zurückzukommen. Dreizehn Tage später war er Weltmeister.
Vom 8. bis 12. Januar 2020 lag in der Middleton Hall des Einkaufszentrums Centre:MK in Milton Keynes Teppich aus, darauf fuhren Autos im Maßstab 1:12. Den ersten der drei Endläufe gewann der Japaner Yoshiyasu Yanagisawa, den zweiten Rheinard, den dritten der Pole Michal Orlowski. Rheinards zweiter Platz im letzten Lauf genügte für den Gesamtsieg, vor Orlowski und Yanagisawa. Er fuhr einen Schumacher Eclipse 3 mit einem Motor von Muchmore. Red RC zählte den Erfolg ausdrücklich als seinen fünften Weltmeistertitel.
Viermal hatte er beim Weltverband IFMAR zuvor gewonnen: 2004 und 2008 sowie 2010 in der Klasse Elektro 1:10, 2014 in der Klasse 1:12. Die vier Titel fielen auf drei Kontinenten, in Kissimmee in Florida, in Bangkok, in Burgdorf bei Hannover und noch einmal in Kissimmee.
Ein Laden in Andernach und ein Junge nach der Schule
Marc Rheinard wurde am 7. November 1986 geboren; das Datum nennen sowohl das deutsche Portal BRCNEWS als auch sein Fahrerprofil bei der Euro Touring Series. Er stammt aus Andernach am Rhein und lebt dort. Sein Vater Uwe Rheinard betrieb nach Angaben des Interviewportals The RC Racer von 1994 bis 2000 ein Hobbygeschäft mit einer Halle und einer Asphaltbahn im Freien; Marc verbrachte dort seine Nachmittage. Wie alt er beim ersten Rennen war, geben die Quellen unterschiedlich an: LiveRC schreibt, er habe mit sieben Jahren angefangen, BRCNEWS nennt acht Jahre und das Jahr 1994. In Ergebnislisten taucht er ab 1996 auf, zuerst im Tamiya Euro Cup Sommer, ab 1997 im Tamiya Euro Cup; bis 2003 kommen dort zwölf Starts und vier Siege zusammen.
Dass ihn diese Anfänge geprägt haben, sagt er selbst. Dem US Magazin RC Car Action erzählte er, sein weicher, sauberer Fahrstil komme von dort: "When I first started racing, I started with the Tamiya Cup... you needed to have smooth driving." Anfängern rät er im selben Gespräch, gerade nicht sofort in der offenen Klasse Modified einzusteigen, sondern langsamer zu beginnen.
Die Familie ist in diesem Sport keine Nebenfigur, sondern Infrastruktur. Vater Uwe gründete später die Euro Touring Series und die Euro Offroad Series, also genau jene europäische Rennserie, in der sein Sohn seit der Saison 2009/10 startet. Vierzehn Saisons weist das Fahrerprofil dort aus, dazu die Startnummer 99 und als beste Saisonplatzierung den ersten Rang in Saison drei; 91 Starts und 15 Siege stehen in dieser Serie zu Buche, mehr als in jeder anderen. Bruder Toni gründete 2008 in Andernach den Handel ToniSport. Nach dem Bericht von BRCNEWS begann der mit dem Generalimport des Hongkonger Herstellers Speed Passion, dessen Motoren Marc zu einem Weltmeistertitel trugen; 2011 kam der Vertrieb von Yokomo dazu, heute sind es rund 7.000 Artikel und Importrechte unter anderem für VBC Racing, Ride und XRAY. Es ist die dritte Unternehmergeneration: Der Großvater hatte einen Stuckateurbetrieb, den Vater Uwe bis heute führt. Die Lokalzeitung Blick aktuell nennt die Rheinards Botschafter für Andernach und berichtet von internationalen Rennen, die die Familie in der Arena33 ausrichtet, zuletzt mit 192 Fahrern aus zwölf Ländern. Marc selbst sagte dem Portal LiveRC, die Unterstützung der Familie sei "the biggest help you can get".
Kissimmee 2004: erst der Titel, dann der Vertrag
2004 fuhr Rheinard nach Kissimmee in Florida und gewann dort die Weltmeisterschaft der Klasse Elektro 1:10, der Tourenwagenklasse. Er war noch nicht achtzehn. Im selben Jahr startete er auch in der Klasse 1:12 und wurde dort Zehnter. Ein Titel in der einen Klasse bedeutete also nicht einmal ein Finale in der anderen.
Bemerkenswert ist die Reihenfolge. Bezahlt wurde Rheinard vor diesem Titel nicht. Dem RC Racer sagte er, er habe von Tamiya bis dahin nur Teile bekommen; erst nach dem Sieg habe er seinen ersten Profivertrag erhalten, mit Reisekosten und Gehalt. Als Beruf gibt er seither Profi im Modellrennsport an. Zahlen dazu sind nicht öffentlich, wohl aber die Richtung, in die er seine Arbeit später verschob: Mit dem Wechsel zu Awesomatix Anfang 2020 übernahm er ausdrücklich mehr Aufgaben im Handel seines Bruders, mit Blick auf die Zeit nach der aktiven Karriere. Seine eigene Zubehörmarke MR33 mit Reifenzusätzen, Werkzeug, Setuphilfen und Transporttaschen läuft über dasselbe Haus; noch 2025 kamen neue Teile dazu.
Dem RC Car Action beschrieb Rheinard den Übergang von Bürstenmotoren und Sub C Akkus zu bürstenlosen Motoren und Lithiumzellen. Ein Fahrer, der 1996 in Ergebnislisten auftaucht und 2026 noch Endläufe bestreitet, hat diesen Umbruch vollständig mitgemacht.
Burgdorf 2010: drei Endläufe und zwanzig Punkte
Vier Jahre nach Florida, 2008 in Bangkok, gewann er denselben Titel erneut. Dieses Rennen nennt er selbst das legendärste seiner Laufbahn, und als Gegner führt er den Japaner Atsushi Hara an, den Weltmeister des Jahres 2000. 2010 kam der dritte Titel, und der fiel besonders aus, weil er im eigenen Land stattfand: in Burgdorf bei Hannover. Nach dem Bericht von Red RC holte Rheinard dort die schnellste Qualifikationszeit und gewann die ersten beiden der drei Endläufe. Am Ende standen 20 Punkte für ihn, 17 für den Japaner Hayato Matsuzaki und 15 für seinen Markenkollegen Elliott Harper. Er fuhr das Chassis TRF416X aus Tamiyas Rennabteilung. Zehn Jahre später, in Milton Keynes, genügte ihm ein einziger Laufsieg plus ein zweiter Platz im letzten Durchgang.
2014 kehrte Rheinard nach Kissimmee zurück und gewann dort die Weltmeisterschaft der Klasse 1:12; bei den Tourenwagen wurde er im selben Jahr Vierter, hinter dem Japaner Naoto Matsukura. Auch ohne Titel stand er bei Weltmeisterschaften oft weit vorn: 2006 und 2010 wurde er in der Klasse 1:12 jeweils Dritter, 2010 auch bei den Verbrennern im Maßstab 1:10, dazu kamen vierte Plätze 2006, 2008, 2012 und 2014. 2016 in Peking verlor er den 1:12 Titel an Matsukura und wurde Zweiter. Über einen missratenen Endlauf sagte er dort: "I had no grip. I was just sliding around trying to hold the car on the track." Den letzten Lauf gewann er trotzdem und sicherte sich damit Rang zwei.
Was im Gelände nicht gelang
So sicher Rheinard auf Teppich und Asphalt fuhr, so wenig übertrug sich das ins Gelände. Zwischen 2005 und 2015 ging er bei Weltmeisterschaften siebenmal in den Buggyklassen 2WD und 4WD an den Start und kam nie unter Platz dreizehn hinaus; sein schlechtestes Ergebnis war Platz 39. In der Euro Offroad Series stehen acht Starts zwischen 2011 und 2015 ohne einen Sieg, bei der Offroad Ausgabe der Reedy Race of Champions zwei weitere. In den Verbrennerklassen sieht die Bilanz gemischter aus: Platz 31 im Jahr 2008 und Platz 21 im Jahr 2012, dazwischen aber 2010 ein dritter Platz bei der Weltmeisterschaft.
Für einen Mann, der in derselben Zeit dreimal Weltmeister der Elektrotourenwagen wurde, zeigen diese Zahlen vor allem, wie groß der Abstand zwischen seinen Kernklassen und dem übrigen Feld war. Seine Stärke lag dort, wo er als Kind angefangen hatte.
Sieben Siege bei der Reedy Race of Champions
Neben den Weltmeisterschaften gibt es ein Rennen, das Rheinard geprägt hat wie kein zweites. Die offizielle Siegerliste der Reedy International Touring Car Race of Champions führt ihn mit sieben Gesamtsiegen: 2006, 2007, 2011, 2013, 2015, 2017 und 2018. Damit ist er der erfolgreichste Fahrer in der Geschichte dieses Rennens. Gefahren wird es ohne Qualifikation, und genau dieses Format mag Rheinard nach eigenen Worten am liebsten, weil es vom ersten Meter an ums Duell geht und nicht um schnelle Runden allein.
Daneben steht eine lange Reihe von Rennen, die außerhalb der Szene niemand kennt und die zusammen die Grundlast einer solchen Laufbahn bilden. Bei deutschen Meisterschaften verzeichnen seine Ergebnislisten 22 Starts zwischen 2003 und 2015; in seiner Abschiedserklärung bei Tamiya sprach er 2016 von sieben nationalen Titeln, in der Zeit bei Awesomatix kam ein weiterer dazu. Bei den Touring Car Masters stehen zwölf Starts und fünf Siege zwischen 2002 und 2015, dazu Auftritte beim DHI Cup, beim TITC und beim Neo Race. Bemerkenswert ist ein Eintrag aus Japan: Zwischen 2005 und 2008 trat er dreimal bei den japanischen Meisterschaftsläufen an und gewann einen davon, in Japan, dem Herkunftsland von Tamiya und Infinity.
Kurios ist, wie unsicher sein Name in den amtlichen Papieren dieses Sports steht. Dieselbe Reedy Siegerliste schreibt ihn überwiegend Marc Reinard. Die Ehrenliste der IFMAR führt ihn 2004 als Marc Reinhard und 2014 als Marc Rheinhard. Und die englischsprachige Wikipedia führt ihn im Artikel zur Weltmeisterschaft 2020 als Fahrer aus den USA, was alle anderen Quellen und die IFMAR selbst widerlegen.
Zwei Trennungen
Im Dezember 2016 löste Tamiya sein Rennteam TRF auf. Damit endete eine Bindung, die 22 Jahre gehalten hatte, gerechnet ab seinem ersten Tamiya Euro Cup. In der Erklärung, die Red RC veröffentlichte, zog Rheinard Bilanz: drei Weltmeistertitel, ein Titel in der Euro Touring Series 2010, sieben deutsche Meisterschaften. Und er schrieb einen Satz, den man in Abschiedserklärungen selten liest: "I depart Tamiya with tears in my eyes as it wasn't my decision to leave this iconic RC company."
Im Februar 2017 unterschrieb der damals Dreißigjährige bei Infinity, einem japanischen Hersteller. Dessen Teamchef Kenji Taira ist nach dem Bericht von Red RC selbst Tamiya Sammler und hatte wie Rheinard einst mit dieser Marke angefangen; er nannte es eine große Ehre, den Deutschen als Gesicht der Firma zu haben. Mit ihm wechselten Naoto Matsukura und Akio Sobue, dazu kam ein Programm mit Verbrennerautos. Vereinbart waren zunächst zwei Jahre. Wie das Verhältnis endete, steht am Anfang dieses Textes.
Anfang 2020 wechselte er zu Awesomatix. Über das Auto sagte er der Euro Touring Series: "The car is just brilliant... it is so consistent and the car works all the time." Im selben Gespräch nannte er Ronald Voelker seinen wichtigsten heutigen Rivalen: Man habe sich früher gestritten, respektiere sich heute und fahre einander ähnlich sauber. Dabei korrigierte er auch sein eigenes Bild. 2013 hatte er dem RC Racer noch erzählt, er liebe die Endläufe, fahre am Limit und setze andere unter Druck, wie ein Samurai; sein Motto war damals, niemals aufzugeben. 2020 führte er seine Erfolge eher auf Geduld zurück als auf Aggressivität. Über sein Leben außerhalb der Hallen ist wenig überliefert; im selben Interview von 2013 nannte er Fußball und Tennis als Interessen und sagte, sein größter Traum wäre es gewesen, Tennisprofi zu werden.
Roeselare, Apeldoorn und ein Neununddreißigjähriger im Finale
Im August 2024 fuhr Rheinard beim Racing Club Roeselare in Belgien um die Europameisterschaft der Klasse 1:10 Modified Tourenwagen. Er qualifizierte sich als Zweiter und gewann zwei der drei Endläufe, vor dem Portugiesen Bruno Coelho und dem Schweden Alexander Hagberg. Red RC und LiveRC berichten übereinstimmend davon. Es war sein erster Europameistertitel in dieser Klasse seit dreizehn Jahren, gewonnen mit 37, zwanzig Jahre nach seinem ersten Weltmeistertitel. Bei Europameisterschaften stehen in seinen Ergebnislisten 31 Starts und fünf Siege zwischen 2002 und 2016; der Titel von Roeselare kommt hinzu.
Am 12. Mai 2026 endete die Zeit bei Awesomatix nach gut sechs Jahren. Rheinard bedankte sich öffentlich bei Teamchef Oleg Babich, der ihm vor gut sechs Jahren die Chance gegeben und ihn in einer Phase gestützt habe, in der es ihm sportlich nicht gut ging; das werde er nicht vergessen. Die Bilanz dieser Jahre, die die Euro Touring Series zum Abschied zusammenstellte, umfasst einen deutschen Meistertitel bei den Tourenwagen, Europameistertitel in den Klassen 1:12 und Tourenwagen, zwei Rennsiege in der Euro Touring Series, zweimal den Gewinn der GP3F Wertung sowie einen zweiten Platz bei einer Weltmeisterschaft der Klasse 1:12 und einen dritten Platz bei den Tourenwagen; Jahreszahlen nennt diese Aufstellung nicht.
Zwei Tage später, am 14. Mai 2026, verpflichtete ihn der slowakische Hersteller XRAY. Über das neue Auto sagte er: "After testing the X4'26 two weeks ago, I was really impressed by the car's performance." Sein erstes Rennen für die Marke war die Auftaktrunde der Euro Touring Series in Apeldoorn Ende Mai 2026. Im Juli 2026 startete er beim Lauf am Firmensitz von XRAY, qualifizierte sich für den Endlauf der Klasse Modified und ging von Platz sieben ins Rennen.
Wie er in seinem Sport eingeordnet wird, zeigt eine Aufzählung des US Magazins Radio Control Car Action, das ihn im April 2017 zu den zwölf größten Fahrern der Geschichte dieses Sports zählte. Das deutsche Portal BRCNEWS nennt ihn den international erfolgreichsten deutschen Fahrer und führt als Besonderheit an, dass sonst niemand Titel in beiden Onroad Klassen geholt habe, bei den Tourenwagen und in der Klasse 1:12. Ganz allein steht er damit nicht: Auch der Japaner Naoto Matsukura gewann beides, die Klasse 1:12 dreimal und die Tourenwagen 2014, in jenem Finale, in dem Rheinard Vierter wurde.
In seinen Ergebnislisten stehen inzwischen 245 Starts, 46 Siege und 135 Podestplätze, dazu vier oder fünf Weltmeistertitel, je nachdem, wie aktuell die jeweilige Ehrenliste ist. Die Zahlen erzählen die Laufbahn, aber nicht ihren Ausgangspunkt. Der liegt in dem Hobbygeschäft mit eigener Bahn, das sein Vater von 1994 bis 2000 in Andernach betrieb und auf dessen Asphalt der Sohn nach der Schule fuhr. In dieselbe Stadt reisen heute 192 Fahrer aus zwölf Ländern zu einem Rennen an.